Warum der Ganztag noch nicht gelingt

von Elena Strehle

Offene Ganztagsschulen gibt es in NRW viele, aber keine folgt einheitlichen Regelungen – weil es keine gibt. Bei der Ausarbeitung eines Standards spalten sich die Meinungen.

Von Louisa Kohnert

Bünde/NRW. Der Ganztag ist ein Konzept, auf das viele berufstätige oder alleinerziehende Eltern angewiesen sind. Von einem Konzept kann aber eigentlich noch nicht gesprochen werden, weil es seit der Einführung der offenen Ganztagsschulen (OGS) 2003 keine einheitlichen Standards oder Richtlinien für die nachmittägliche Betreuung der Schulkinder gibt. Die Landtagsfraktion der SPD möchte das ändern und lud nun Experten aus dem OGS-Bereich zu einer Podiumsdiskussion ein.

Die Landtagsabgeordnete Angela Lück und der schulpolitische Sprecher der SPD-Landtagsfraktion, Jochen Ott, sprachen gemeinsam mit Annika Volland, Schulsozialarbeiterin an Grundschulen der Stadt Bad Oeynhausen, Ulrike Oßiek-Heide, Schulleiterin der Grundschule Hunnebrock, Maren Koppmann, Teamleitung der OGS Kirchlengern, und Dirk Hanke vom OGS-Träger AWO im Bezirk OWL über Pläne, Möglichkeiten und Wünsche für die Zukunft. Die Besucher der Diskussion konnten ebenfalls Meinungen und Bedenken äußern.

Die Veranstaltung wurde von einem Vortrag Otts eröffnet, der über die aktuelle Lage der OGS in NRW aufklärte. Seit 2003 ist die Zahl der Schulen mit Ganztagsangebot um fast 100 Prozent gestiegen, beinahe jede Grundschule bietet heutzutage also die Nachmittagsbetreuung an. Auch die Zahl der Schüler, die diese Angebote wahrnehmen, steigt jährlich. Der Koalitionsvertrag der Bundesregierung sieht vor, dass es ab 2025 einen Rechtsanspruch der Eltern auf einen Ganztagsplatz für ihre Kinder geben soll. Das bringt allerdings auch Probleme mit sich, denn allein die Definition des Ganztages ist unklar.

Fehlende Standards sind noch ein Problem

Handelt es sich dabei schlichtweg um eine Kinderbetreuung am Nachmittag oder sollen dort auch bildende oder schulische Elemente mit eingebunden werden? Diese Frage ist entscheidend bei der Finanzierung, da Bildung in Deutschland nämlich nicht vom Bund, sondern von den einzelnen Bundesländern bezahlt werden muss.

Auch sind die fehlenden Standards ein Problem. Allein die Abholzeiten und die Flexibilität des Ganztages unterscheiden sich von Schule zu Schule, was laut Oßiek-Heide durch die offenen Schulgrenzen zu einem Wettbewerb unter Schulen führt: „Wie bieten wir Flexibilität entsprechend dem Bedarf an, ohne dabei in Konkurrenz mit den Nachbarschule zu treten? Es sollte Standards geben, die für alle Schulen in NRW gelten.“

Annika Volland sieht ein weiteres Problem in den steigenden Zahlen der betreuten Kinder. „In den OGS wird unterschiedlich gearbeitet, aber überall gibt es das gleiche Problem: Sie platzen aus allen Nähten. Es werden mehr Räume benötigt.“

Außerdem müsse die Verzahnung zwischen Schulbetrieb und Nachmittagsbetreuung noch besser ausgebaut werden, was auch Koppmann betont: „Die Rahmenbedingungen sind noch nicht die, die wir brauchen, um pädagogische Arbeit leisten zu können.“ Ein Schritt in diese Richtung seien zum Beispiel bessere Arbeitsverhältnisse für die Erzieherinnen in den OGS, die oft nur Jahresverträge oder Stellen mit wenigen Wochenstunden bekommen. Hanke erklärt: „Es gibt viele engagierte Mitarbeiter und es ist toll, was die leisten, aber sie müssen entlastet werden. Sie brauchen bessere Arbeitsverträge, eine Struktur und feste Regeln wie OGS gestaltet werden soll. Bisher ist jede Kommune anders ausgestattet.“

Die SPD ist der Meinung, dass die schwarz-gelbe Regierung in NRW dem Ganztag nicht die Bedeutung zumesse, die er verdiene und sieht Reformbedarf. Die Landtagsfraktion fordert unter anderem Kernzeiten, aber auch eine gewisse Flexibilität. Ott sieht den Erfolg in OGS-Schulen in einer Mischung: „Es gibt OGS, da ist die Nachmittagsbetreuung an zwei Tagen Pflicht und am Rest der Woche freiwillig. Aber die meisten Kinder sind dann trotzdem die ganze Woche dort, weil ihnen das Angebot gefällt.“ Der Ganztag werde dabei klar als Bildungsangebot definiert und die SPD strebe eine gebundene und rhythmische Form der Ganztags-Grundschule an.

Abgeordnete nimmt Anregungen auf

Die finanzielle Ausstattung soll vom Land NRW bereitgestellt werden. Bildungsangebote sollen weiterhin kostenfrei sein, Elternbeiträge soll es nicht geben. Darüber hinaus möchte die SPD die Mitarbeit von Trägern sichern und diese in die Schulstruktur mit einbinden. Auch die Beschäftigungsverhältnisse sollen sicherer und besser für die Fachkräfte werden und eine landesweite Schulbaurichtlinie, die das Problem der geringen Räumlichkeiten regeln soll, wird wieder angestrebt.

Aus dem Publikum kamen ebenfalls Wünsche und Anregungen. Lehrer sollten zum Beispiel nach Arbeitsstunden bezahlt werden, für Erzieher müsse es ebenfalls einen Raum und Arbeitsplatz geben, die Zusammenarbeit der Professionen solle intensiver sein und die Flexibilität der Abholzeiten sollte vor allem auf das Wohl des Kindes ausgerichtet sein.

Diese Anregungen nimmt Angela Lück nun mit in den Landtag. „Seit 2003 ist der Ganztag eine Art Provisorium und es gibt ein großes Bedürfnis, sich darüber auszutauschen“, erklärt Lück. „Es ist wichtig, mit den Experten das Gespräch zu suchen, die in ihrer täglichen Arbeit diesen Problemen begegnen. Und mit diesen Vorschlägen und Wünschen können wir dann im Landtag weiter an dem Konzept Ganztag arbeiten.“

Neue Westfälische vom 11.03.2020

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