Land hilft bei Kinderwunsch

von Gaby Arndt

NRW fördert künftig Zugang zu künstlicher Befruchtung

Von Hilmar Riemenschneider

Düsseldorf (WB). Drei Versuche zahlt die Krankenkas­se, danach ist jeder auf sich selbst gestellt. Für ungewollt kinderlose Paare will das Land deshalb die Möglichkeiten er­weitern, um mit medizinischer Hilfe vielleicht doch noch eigenen Nachwuchs zu zeugen.

Ab Sommer nächsten Jahres können betroffene Paare finan­zielle Unterstützung beantragen, wenn die Krankenkasse keinen weiteren Versuch einer künstli­chen Befruchtung mehr bezahlt. Das hat NRW-Familienminister Joachim Stamp (FDP) gestern im Landtag angekündigt. Er setzt da­mit eine von den Fraktionen von CDU, SPD, FDP und Grünen getra­gene Initiative um, für die bereits 3,9 Millionen Euro im Haushalt 2019 eingeplant sind. Die AfD ent­hielt sich.

Für Paare sei der unerfüllte Kin­derwunsch eine große Belastung, die sogar oft die Beziehung ge­fährde, sagte der CDU-Abgeordnete Stefan Nacke. »Wir wissen auch, dass die Reproduktionsmedizin nur Wahrscheinlichkeiten er­höht.« Es gehe aber darum, unge­wollt kinderlosen Paaren den Zu­gang zu weiteren Versuchen zu er­öffnen und dafür von hohen fi­nanziellen Anforderungen zu ent­lasten. So liegen die Kosten für eine In-vitro-Fertilisation bei et­wa 3000 Euro je Zyklus, weitere 1500 Euro kostet eine vorher be­ginnende Hormontherapie. Die Wahrscheinlichkeit, so schwanger zu werden, liegt bei 30 Prozent. »Es gibt heute kein Recht auf ein Kind«, betonte Nacke.

Die Grünen-Abgeordnete Josefi­ne Paul betonte, der Zugang zur Reproduktionsmedizin müsse für alle Paare gelten. »Er darf kein Pri­vileg Besserverdienender sein.« Zugleich müsse das Land aber ein Beratungsangebot schaffen für Paare, deren Kinderwunsch sich nicht erfüllt.

Mit dem Landtagsbeschluss er­öffnet sich für betroffene Paare zugleich die Möglichkeit, von einem seit 2012 bestehenden För­derprogramm des Bundesfami­lienministeriums zu profitieren. Dessen Hilfen sind daran gekoppelt, dass sich die Bundesländer finanziell beteiligen. NRW ist das achte Land, das sich dem Pro­gramm anschließt.

Die SPD-Abgeordnete Angela Lück verwies auf eine Studie des Ministeriums, wonach in der Gruppe der 20- bis 50-jährigen Frauen und Männer ohne Kinder 25 Prozent ungewollt kinderlos sind. Lück, wie auch andere Abgeordnete, beschrieb die Entwick­lung, dass Paare sich immer spä­ter zur Familiengründung ent­scheiden – oft auch aus beruflichen oder wirtschaftlichen Grün­den. Auf diese Entwicklung gelte es zu reagieren. Denn mit 30 Jah­ren, so begründen es die Fraktio­nen, nehme die Fertilität von Frauen ab, vom 35. Lebensjahr an sogar noch schneller.

»Künstliche Befruchtung darf kein Privileg Besser­verdienender sein.« Josefine Paul,Landtagsabgeordnete (Grüne)

Familienminister Stamp kündigte an, die bestehende Alters­obergrenze zur Teilnahme von 39 Jahren für Frauen und 49 Jahre für Männer sei nicht mehr zeitgemäß. Dies müsse neu definiert werden. Er wolle auch erreichen, dass das Förderprogramm ebenso für gleichgeschlechtliche Paaren ge­öffnet werde.

In den sieben Bundesländern, die vor NRW ein Förderprogramm für betroffene Paare aufgelegt ha­ben, seien in der Folge seitdem et­wa 2360 Kinder geboren worden, warb FDP-Fraktionsvize Marcel Hafke für das neue Programm. FDP und CDU schlössen damit eine Gerechtigkeitslücke. »Prinzi­piell ist es unsere Überzeugung, dass die Krankenkassen sich deut­lich umfangreicher an den Kosten beteiligen sollten.« Betroffene Paare in NRW dürfen in der Zwi­schenzeit aber nicht die Leidtragenden dieser Diskussion sein. Der Kinderwunsch dürfe nicht vom Geldbeutel und vom Wohn­sitz abhängen.

Nach Zahlen des Landesamtes für Statistik leben in NRW etwa 2,5 Millionen Paare ohne Kinder. Nicht erfasst ist dort, wie viele ungewollt kinderlos sind.

 

Westfalen-Blatt, 14.12.2018

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