Kontrollbesuch

von Katharina Brand-Parteck

Politiker loben Helfer der Herforder Flüchtlings-Notunterkunft

Von Christian Althoff
Herford(WB). Angela Lück (54) kämpft mit den Tränen, als sie das Zimmer einer Flüchtlingsfamilie verlässt, und für einen Moment versagt ihre Stimme.

»Was diese Menschen erlebt haben, ist unvorstellbar«, sagt die SPD-Landtagsabgeordnete und Krankenschwester aus Löhne. Zusammen mit Herfords zweitem Vize-Bürgermeister Andreas Rödel besuchte sie gestern die Notunterkünfte, die das Land vor zwei Wochen überraschend in leerstehenden Mehrfamilienhäusern der Britischen Rheinarmee eingerichtet hat. Auch Rödel, der seit 20 Jahren den Sozialausschuss der Stadt leitet, haben die Schilderungen der Familie mitgenommen. »Man hört ja jeden Abend in der Tagesschau von Flüchtlingsschicksalen und ahnt, wie schlimm es diesen Menschen geht. Aber ihnen gegenüberzusitzen und aus ihrem Mund zu hören, was sie erlebt haben – das ist etwas ganz anderes. Ich musste erst ein paarmal schlucken«, sagt der 61-Jährige. Was die Familie ihnen berichtet hat, möchten die Politiker nicht erzählen – »aus Respekt gegenüber diesen Menschen«, sagt Angela Lück.

Misshandlungen und Demütigungen durch Wachleute in der Notunterkunft Burbach haben die Abgeordneten veranlasst, sich ein Bild von der Herforder Unterkunft zu machen. Hier sorgt André Niederée aus Bünde mit seinem Sicherheitsdienst HNR im Auftrag des Generalunternehmers »European Homecare« für Sicherheit und Ordnung. »Die Leute machen einen guten Job«, lobt Winfried Henkeler von der Bezirksregierung Arnsberg, der vorübergehend nach Herford abgeordnet ist. Seit fast 20 Jahren gehört der Ordnungsdienst bei Konzerten oder Stadtfesten zum Alltagsgeschäft von HNR. Flüchtlinge hat das Unternehmen noch nie betreut. Doch André Niederée hat offenbar das richtige Gespür. Er setzt vor allem junge Mitarbeiter ein – zivil gekleidet, ohne martialische Bomberjacken. »Der Umgang zwischen diesen Sicherheitsleuten und vielen Flüchtlingen ist herzlich«, hat Winfried Henkeler beobachtet, und HNR-Geschäftsführer Niederée sagt, dass seine Leute mehr täten als ihren Job. »Die haben geholfen, die Unterkünfte sauber zu machen, und jetzt bringen sie den Kindern sonntags Süßigkeiten mit.« Auch ihn nähmen manche Schicksale mit, sagt Niederée. Am Sonntag, als sein Sohn Geburtstag gefeiert habe, habe er zwei Stunden telefoniert, um für einen Flüchtling, der sich geritzt habe, psychologische Hilfe zu finden. Niederée hat auch zusammen mit »European Homecare«-Regionalleiter Alexander Wiens dafür gesorgt, dass alleinreisende Flüchtlingsfrauen in einem eigenen Haus untergebracht sind. »Ich musste sie vor Übergriffen schützen. Wir haben hier etwa zehn Flüchtlinge, die Probleme machen«, sagt der HNR-Chef. Erst am Vortag haben Polizisten aus einem Zimmer Zigarettenstangen geholt, die aus einem Einbruch stammen sollen. Niederée: »Ein Algerier hat mir gesagt, er komme jedes Jahr als Asylbewerber nach Deutschland, um hier Party zu machen.«

Aber auch von anderen Schwierigkeiten erfahren die Politiker. »Ich finde keinen Gynäkologen, zu dem ich kurzfristig Flüchtlingsfrauen schicken kann«, sagt Heimleiterin Dorit Herz von »European Homecare«. Und Alexander Wiens warnt vor dem Winter: »Wir haben keinen Speisesaal. Im Moment machen wir das Essen in einem Wohnzimmer warm und reichen es den Menschen über den Balkon nach draußen.« Es sind zwei nachdenkliche Politiker, die die Unterkunft nach etwa zwei Stunden verlassen. Aber sie scheinen auch erleichtert. »Wir haben den Eindruck, dass hier alle mit großem menschlichen Engagement arbeiten«, sagt Angela Lück. Gestern Abend teilte die Stadt Detmold mit, dass heute 250 Flüchtlinge leerstehende Wohnungen beziehen, die bis zum Abzug von britischen Streitkräften genutzt wurden. Die Stadt sei darüber nach eigenen Angaben erst gegen 15 Uhr informiert worden.

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