»Es gibt nicht die eine Stellschraube«

von Gaby Arndt

SPD diskutiert mit Gesundheitspolitikerin Angela Lück über Ärztemangel auf dem Land

c/o Klaus Klarenfeld

Schlangen(SZ). Etwa 400 Hausärzte in Nordrhein-Westfalen gehen aktuell pro Jahr in Rente. Nur 200 Praxen finden sofort einen Nachfolger. Der Mangel an Allgemeinmedizinern macht sich besonders auf dem Lande bemerkbar. Wie kann der Trend gestoppt werden? Darüber diskutierte die SPD-Gesundheitsexpertin Angela Lück auf Einladung der SPD-Ortsvereine aus Schlangen und Bad Lippspringe.

Ein Schuldiger an der Misere war an diesem Morgen schnell ausgemacht: die Kassenärztliche Vereinigung. Von einem Zunftwesen wie im Mittelalter war die Rede. Andere Gäste warfen der Standesvertretung der Ärzte ein intransparentes und abgehobenes Verhalten vor, das sich nicht unbedingt am Wohl der Patienten orientiere.

Und an Beispielen mangelt es auch vor Ort offensichtlich nicht: Seit dem Ausscheiden von Dr. Birgit Naumann Anfang 2018 hat Schlangen keine Kinderärztin mehr. Die Kassenärztliche Vereinigung gab seinerzeit den Schlänger Eltern den Rat, im Fall der Fälle den Kinderarzt in Salzkotten aufzusuchen; die Fahrzeit betrage gerade einmal 20 Minuten. »Aussagen wie diese sind weltfremd«, kritisierte der SPD-Fraktionsvorsitzende im Schlänger Rat, Michael Zans. Die Fahrt nach Salzkotten per Bus zum Beispiel komme einer unzumutbaren Tagesreise gleich.

»Es gibt nicht die eine Stellschraube, um den Ärztemangel auf dem Lande zu beheben«, machte die SPD-Landtagsabgeordnete Angela Lück in ihrem Eingangsreferat deutlich. Aber auch sie stellte klar: »Auf die Kassenärztliche Vereinigung kommt in diesem Zusammenhang eine wichtige Aufgabe zu.«

Dringenden Handlungsbedarf sieht sie in vier Bereichen. Die Vergütung

Hausärzte verdienen laut Lück deutlich weniger als Fachärzte wie Radiologen, die auf teure Gerätemedizin setzen. »Das ist ungerecht«, beklagte die SPD-Landespolitikerin. Gerade der Allgemeinmediziner habe eine besondere Verantwortung, weil er in der Regel die erste Diagnose stelle.

»Und obwohl die Hausärzte deshalb über ein großes fachübergreifenden Wissen verfügen müssen, spiegelt sich das nicht in ihren Honorarordnung wider«, so Angela Lücks Schlussfolgerung. Die unzureichende Bezahlung mache zudem eines deutlich: »Die Arbeit der Hausärzte bekommt nicht die Wertschätzung, die sie verdient.«

Besonders kritisch sehen die Sozialdemokraten den Versuch der Stadt Bad Lippspringe, über eine Prämie von 100.000 Euro neue Ärzte für die Kur- und Badestadt zu gewinnen. Zans sprach von einem unguten Wettbewerb, auf den sich Schlangen als Gemeinde in der Haushaltssicherung nicht einlassen könne und werde. Bessere Arbeitszeiten

70 Prozent der Medizinstudenten aktuell sind Frauen. Die Hausarztpraxen werden mehrheitlich aber von Männern betrieben. Angela Lück glaubt den Grund zu kennen: »Die Arbeitszeiten in den Landarztpraxen sind alles andere als familienfreundlich.Deshalb ist es wichtig für mehr Teilzeitangebote zu sorgen oder den Ärztinnen den Einstieg in Gemeinschaftspraxen mehr als bisher zu ermöglichen.«

Auch die Telemedizin eröffnet laut Lück neue Möglichkeiten der Arbeitszeit-Entlastung. Der Patient könne den Arzt per »Videokonferenz« konsultieren. Ein Besuch in der Praxis sei so nicht in jedem Fall mehr notwendig.

Vielleicht sei es auch eine Überlegung wert, sich an die »gute alte Gemeindeschwester« zu erinnern, die es noch in den 1950er und 1960er Jahren gab, machte Bürgermeister Ulrich Knorr deutlich. »Die habe sich nicht nur um die kleinen Wehwehchen der Patienten gekümmert, den Blutdruck gemessen oder für den täglichen Verbandswechsel gesorgt, sondern auch im Haushalt nach dem rechten geschaut. Dieser soziale Dienst, betonte Knorr, komme heute leider zu kurz.

Renate Edler forderte die Kassenärztliche Vereinigung auf, die Arbeit der Hausarztpraxen zu entbürokratisieren: »Die Dokumentationspflicht nimmt immer weiter zu. Der Arzt hat so immer weniger Zeit, sich um die Patienten zu kümmern – seine eigentliche Aufgabe.« Eigeninitiative

Ulrike Burchart erinnerte an den legendären Ausspruch von John F. Kennedy: »Frage nicht, was dein Land für dich tun kann – frage, was du für dein Land tun kannst.« Es sei zwar richtig, so Burchart, nach der Verantwortung der Kassenärztlichen Vereinigung zu fragen. Die Forderung allein greife aber zu kurz.

»Es geht auch um die Bereitschaft jedes einzelnen von uns, sich um den einsamen oder kranken Mitmenschen in unserer Nachbarschaft zu kümmern.« Der Staat könne nicht alles und jedes regeln. Burcharts Appell für ein stärkeres Miteinander erntete an diesem Morgen in der Gaststätte Zur Rose den mit Abstand größten Beifall.

 

Westfalen-Blatt Schlangen vom 09.05.2015

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