Das Interview mit der Neuen Westfälischen zum Weltfrauentag

von Gaby Arndt

Wer sich ärgert, muss was ändern

c/o Jemima Wittig

Interview: Angela Lück engagiert sich seit mehr als 20 Jahren in der SPD. Seit 2010 ist sie im Landtag von Nordrhein-Westfalen. Im Gespräch erzählt die 58-Jährige, wie es ihr als Frau in der Politik ergeht

Familienministerin Katarina Barley und SPD-Fraktionschefin Andrea Nahles haben Sexismus im Politikalltag kritisiert. Wie geht der Landtag von Nordrhein-Westfalen mit der Sexismus-Debatte um?

Angela Lück: Ich persönlich habe keinen Sexismus erlebt. Dennoch es ist natürlich auch bei uns im Landtag ein Thema. Die beiden Landtagsvizepräsidentinnen haben deshalb fraktionsübergreifend alle Frauen im Landtag eingeladen, damit wir den aktuellen Stand ermitteln und dann gegebenenfalls etwas ändern können.

Nur 27 Prozent der Abgeordneten im Landtag sind weiblich. Wieso sind dort so viel mehr Männer?

Lück: Die SPD hat eine 40 Prozent Frauenquote. Im Landtag geht das aber nicht. Aktuell sind 34,5 Prozent unserer Abgeordneten weiblich. Das liegt daran, dass sich die Besetzung aus direkt gewählten Vertretern und der Abgeordnetenliste zusammensetzt. Auf der Liste sind die Geschlechter gleichmäßig verteilt. Nur bei den Direktkandidaten weiß man ja nicht vorher, aus welchem Wahlkreis sie kommen. Die einzige Lösung wäre, in SPD-Wahlkreisen möglichst viele Frauen aufzustellen.

Sie selber sind mit 37 Jahren der SPD in Löhne beigetreten. Wie kam es dazu?

Lück: Bei der SPD habe ich mich schon immer politisch zuhause gefühlt und sie daher immer gewählt. Beigetreten bin ich dann wegen meiner Kinder. Als alleinerziehende Mutter waren mir die beweglichen Ferientage ein Dorn im Auge. Sie mussten natürlich versorgt werden und das war immer ein Kraftakt. Ich habe mich hier in Löhne im Schulamt beschwert, weil ich mir dachte, da muss man doch mitsprechen können. Um etwas zu verändern, bin ich der SPD beigetreten und kam schnell auf die Liste zu den Stadtratswahlen. 2000 bin ich dann schon in den Rat nachgerückt.

Ihre politische Arbeit hat in Ausschüssen angefangen. Sie waren im Sozial-, Haupt- und Finanzausschuss. Können Sie sich erklären, warum Frauen eher in den sozialen Ausschüssen aktiv sind?

Lück: Das liegt, glaube ich, noch an dem klassischen Rollenbild, das in vielen Fraktionen herrscht. Die Themen werden nach Männer- oder Frauenthemen aufgeteilt. Im Haupt- und Finanzausschuss war ich also einzige Frau und so hat der Bürgermeister früher immer angefangen mit: "Sehr geehrte Frau Lück, meine Herren". Das fand ich immer schrecklich. Das gibt einem das Gefühl der Außenseite zu sein. Da hat sich aber in den 18 Jahren, die ich jetzt im Rat in Löhne bin, nicht viel geändert. Von 44 Plätzen sind aktuell nur neun mit Frauen besetzt.

2010 wurden sie in den Landtag gewählt. Wie sieht Ihr Alltag als Angeordnete aus?

Lück: Es sind oft ganz viele kleine Dinge, die ich versuche zu ändern. Ich wurde zum Beispiel wegen dem Schulobstprogramm angesprochen. Die Lieferanten mussten ein Vierteljahr auf ihr Geld warten. Darüber habe ich mit der Landwirtschaftsministerin gesprochen. Es kann nicht sein, dass das Land die Bezahlung so weit verzögert, dass die Anbieter in finanzielle Schwierigkeiten geraten. Wenn es um Sachthemen geht, funktioniert die Zusammenarbeit mit den Ministerien auch jetzt in der Oppositionszeit. Wir wollen Lösungen finde, da hat Parteigeplänkel nichts zu suchen.

Wieso haben Frauen noch immer schlechtere Chancen in der Politik, obwohl sie seit inzwischen 100 Jahren wählen dürfen?

Lück: Frauen haben häufig die besseren Schulabschlüsse. Trotzdem gibt es zum Beispiel hier im Kreis keine einzige Bürgermeisterin. Mit dem Intellekt kann das nichts zu tun haben. Frauen müssen nach wie vor immer besser sein als Männer, die das gleiche Amt anstreben. Sowohl bei den Frauen, als auch bei den Männern muss sich die Einstellung ändern. Es muss nach Kompetenz und nicht nach dem Geschlecht entschieden werden.

Was muss sich ändern, damit mehr Frauen sich politisch engagieren?

Lück: Ich habe den Eindruck, dass Frauen anders motiviert werden müssen als Männer, wenn es um die Besetzung höherer Positionen geht. Sie haben da oft kein gutes Selbstvertrauen und nehmen sich eher zurück. Frauen müssen sich klar machen, dass es nichts nutzt, sich nur zu ärgern. Man muss das Leben aktiv gestalten wollen. Egal in welcher Partei. Jeder kann etwas tun, denn es sind oft Dinge, die uns im alltäglichen Leben begegnen. Wenn es um Schulen, Straßen, Kultureinrichtungen oder andere Angebote in der Kommune geht, muss man gucken, wie man mitmischen und etwas verändern kann.

Das Interview führte Jemima Wittig.

Neue Westfälische, 08.03.2018

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