Im Bann von »Wirtschaft 4.0«

von Katharina Brand-Parteck

Talkrunde mit Ministerpräsidentin Hannelore Kraft bei Unternehmer Heiner Wemhöner

Foto: Oliver Schwabe

Von Peter Schelberg

Herford(HK). Ihr Zeitplan ist eng getaktet: In Bad Salzuflen hat Ministerpräsidentin Hannelore Kraft gestern mit ehrenamtlichen Helfern über Flüchtlingsbetreuung diskutiert. Als sie danach etwas verspätet in Herford eintraf, lautete das Thema »Wirtschaft 4.0«: Wie der Standort Kreis Herford von der Digitalisierung und Vernetzung von Arbeitsprozessen profitieren kann, das versuchte eine Talkrunde bei Unternehmer Heiner Wemhöner zu ergründen.

80 Gäste – unter ihnen Unternehmer, Gewerkschafter, Politiker und Schüler des August-Griese-Berufskollegs – verfolgten die Diskussion über den tiefgreifenden Strukturwandel der Wirtschaft. Der bietet nach Überzeugung der Ministerpräsidentin Chancen und Risiken. »Wir werden erleben, dass es in Zukunft möglich sein wird, Produktionen wieder nach Deutschland zurückzuholen«, sagte sie. Dazu müssten alle Vorteile der Digitalisierung genutzt und Arbeitsprozesse weiter optimiert werden – was massive Veränderungen zur Folge habe.

Gelassen zeigte sich Firmenchef Wemhöner: »Wenn wir im Betrieb Industrie 4.0 noch nicht umgesetzt hätten, gäbe es uns schon lange nicht mehr.« Die meisten Unternehmen hätten aus seiner Sicht notwendige Vorbereitungen getroffen. Als beängstigend bezeichnete er es, dass Hacker in der Lage seien, Regierungscomputer auszuspähen: »Was kommt da noch auf uns Unternehmer zu?« Unerlässlich ist aus seiner Sicht die Ausbildung von Facharbeitern. DGB-Regionalgeschäftsführerin Astrid Bartols sorgt sich im Zuge von Wirtschaft 4.0 um Arbeitnehmerrechte und die Zukunft der sozialen Sicherungssysteme. Große Chancen auch für die Mitarbeiter sieht hingegen Unternehmer Dr. Andreas Hettich. Die wirtschaftliche Entwicklung lasse den Bedarf an Facharbeitern und auch an Gewerbeflächen steigen. Er kritisierte, dass in Schulen zu wenig Technikunterricht stattfinde: »Wir werfen unsere Kinder mit Daten zu, statt Zusammenhänge zu erklären.« Bis 2020 fehlten Prognosen zufolge in NRW 630000 Fachkräfte, mahnte Hannelore Kraft: »Wer jetzt nicht ausbildet, ist selbst schuld.« Sie setzt sich dafür ein, Schüler künftig früher als bisher über Praktika mit der Arbeitswelt vertraut zu machen. Eine stärkere Vernetzung des Spitzenclusters »It’s OWL« in den Kreis Herford hinein wünscht sich Landratskandidat Jürgen Müller (SPD): »Auch kleine Unternehmen brauchen Wissenstransfer.« Berufskolleg-Leiter Frank Schnelle forderte: »Wir müssen den Menschen und die Bildung bei dieser vierten industriellen Revolution mehr in den Mittelpunkt stellen.«

Große Hoffnungen auf die Bildungscampus-Initiative in Herford setzt Dr. Robert Rae (Perfact Innovation). Bürgermeister Tim Kähler will die Potenziale von Asylbewerbern nutzen. Über Sprachförderung und Weiterqualifizierung sollten Flüchtlinge möglichst schnell in die Wirtschaft integriert werden, forderte auch SPD-Landesvorsitzende Kraft: »Daran müssen wir alle gemeinsam arbeiten.«

 

Westfalen-Blatt Herford, 18.08.2015

 

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